Digitale Nomaden als Klimasünder – passen Nachhaltigkeit und Reisen zusammen?

Digitale Nomaden als Klimasünder – passen Nachhaltigkeit und Reisen zusammen?

Seit der Klimawandel zu einem heißen Thema in den Medien wurde und sich immer mehr Menschen Gedanken um Nachhaltigkeit machen, ist das Flugzeug durch seinen enormen CO2 Ausstoß immer mehr in Verruf geraten. Und das Zurecht! In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, ob digitale Nomaden und Weltreisende die neuen Klimasünder sind und ob Nachhaltigkeit und Reisen eigentlich zusammenpassen.

Die schlechte Nachricht gleich vorweg

Machen wir uns nichts vor – fliegen ist (neben der Massentierhaltung) nun einmal DER Klimasünder schlechthin. Als ich das erste Mal vor ein paar Jahren für einen Artikel über nachhaltiges Reisen, den ich für einen Kunden geschrieben habe, genau nachrecherchiert habe, wie viel Tonnen CO2 ein einziger Flug in unsere Atmosphäre pustet, hat es mich erst mal aus den Socken gehoben. Das kann doch nicht sein, oder? Doch, das kann es – leider!

Habe ich mir davor noch eingeredet, dass ich ja sonst so viel für die Umwelt mache, keine Plastikflaschen kaufe, immer brav den Strohhalm im Cocktail verweigere und kein Auto besitze, sondern meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, sah ich es plötzlich schwarz auf weiß vor mir: Egal, was ich für unsere Umwelt und das Klima mache – es steht einfach nicht im Vergleich zum Fliegen. Ich könnte auf all das ganz getrost verzichten, wenn ich dafür auch nur ein einziges Mal weniger ins Flugzeug steige. So hoch ist der CO2 Ausstoß beim Fliegen! 

Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Flug von Berlin nach Mallorca (hin & retour) hat eine Klimawirkung von 722 kg Co2 pro Person. Dafür könntest du rund ein halbes Jahr lang Auto fahren! Und dabei sind andere schädliche Treibhausgase noch gar nicht eingerechnet.

Ist Flugkompensation die Lösung?

Einige Unternehmen haben das Thema Flug und CO2 Ausstoß bereits aufgegriffen und bieten Vielfliegern an, die CO2 Emissionen, die bei dem Flug pro-Kopf entstanden sind, zu kompensieren: Indem du die Flugroute in einen Emissionsrechner eingibst, beispielsweise von Atmosfair oder myClimate, erfährst du, welcher Umweltschaden durch den Flug entstanden ist und kannst dir eine Kompensationssumme ausrechnen lassen. Diese kannst du dann direkt auf der Seite für verschiedene Klimaschutzprojekte spenden. Doch ist das Kompensieren des Fluges nicht einfach nur ein Freikaufen vom schlechten Gewissen für uns Reiselustige, die nicht auf das Fliegen verzichten möchten?

In der Tat – die Ursache des Problems (der Flug) ist damit nicht behoben. Und da die Flugkompensation freiwillig ist, bleibt es jedem Fliegenden selbst überlassen, ob er diese Möglichkeit nutzen möchte oder nicht. Ich persönlich finde: Solange man die Kompensation nicht als Ausrede dafür benutzt, öfters zu fliegen, sondern wirklich nur als „Notlösung“ nimmt, wenn man auf einen Flug nicht verzichten kann oder möchte, ist sie besser als nichts. Dadurch tust du zumindest etwas dafür, damit alternative Ressourcen geschaffen werden und in Zukunft weniger Treibhausgase in unsere Atmosphäre gelangen.

Natürlich muss man die vorgeschlagene Kompensationssumme auch nicht unbedingt über den Emissionsrechner spenden, sondern kann stattdessen auch andere Projekte unterstützen, beispielsweise zur Aufforstung oder Entwicklung einer Technologie, die endlich dafür sorgt, dass Flugzeuge nicht mehr der Klimasünder schlechthin sind.

Sind digitale Nomaden tatsächlich die Hauptnutznießer des Flugverkehrs?

Je stärker Begriffe wie „Flugscham“ in den Medien gepusht werden, umso lauter wird auch die Kritik an digitalen Nomaden oder Weltreisenden, die zum reinen Vergnügen und aus purem Egoismus durch die Weltgeschichte gondeln und dadurch den Treibhausgaseffekt für die gesamte Erde erhöhen. Doch sind die Flieger wirklich voll von digitalen Nomaden und Langzeitreisenden?

Ohne die genauen Zahlen zu kennen, behaupte ich jetzt einfach einmal: Ich glaube, dass diese tatsächlich nur einen kleinen Teil des weltweiten Flugverkehrs ausmachen. Den weitaus größeren Teil stellen Businessreisen dar und somit Menschen, die für ein Meeting, eine Messe oder politische Zwecke im Inland oder ins Ausland fliegen. Diese beruflichen Reisen sind zudem meist nur einen oder wenige Tage lang und nicht selten kurze Distanzen, die man in wenigen Stunden auch mit der Bahn oder dem Bus zurücklegen könnte. All das ersparen digitale Nomaden sich und der Umwelt, indem sie ihre Arbeit ortsunabhängig erledigen und so Großteils darauf verzichten, für Meetings irgendwohin zu fliegen.

Fliegen digitale Nomaden tatsächlich quer durch die Welt?

Außerdem bedeutet digitaler Nomade zu sein nicht automatisch, dass man alle paar Wochen in den Flieger steigt und einmal um die Welt tingelt. Im Gegenteil: Da digitale Nomaden unterwegs ja auch arbeiten, bleiben sie meist viel länger an einem Ort als der Durchschnittsreisende. Dadurch zahlt sich ein Flug auch mehr aus, als beispielsweise für jemanden, der für einen zweiwöchigen Urlaub auf Bali fliegt.

Außerdem reisen die wenigsten von uns kreuz und quer durch die Welt. Vielmehr fliegen wir an einen Ort, zum Beispiel nach Asien oder Südamerika, und bewegen uns dann am anderen Kontinent auf dem Landweg fort und legen so weite Strecken ohne Flieger zurück.

Ich persönlich nehme so gut wie nie Inlandsflüge und fliege auch nicht ins Nachbarland, sondern plane, wenn ich von A nach B reisen möchte, lieber mehrere Zwischenstopps ein, die ich per Nachtbus erreichen kann. Auf Flüge in Europa (wenn das Endziel ebenfalls ein europäisches Land ist) verzichte ich seit Jahren ganz bewusst zur Gänze. Zum Beispiel bin ich öfters in Berlin und nehme dafür konsequent den Flixbus, auch wenn dieser über 10 Stunden braucht und manchmal sogar teurer ist als ein Flugticket. Und das würde ich wahrscheinlich nicht machen, wenn ich mich nicht aufgrund meiner Reiselust und dem schlechten Gewissen irgendwann ausführlich darüber informiert hätte, wie viel CO2 man spart, wenn man auf diesen Strecken, die ohne Flugzeug zwar unbequemer, aber machbar sind, auf alternative Verkehrsmittel zurückgreift.

Und natürlich darf man auch nicht alle digitale Nomaden in einen Topf werfen: Viele machen sich viele Gedanken über Umweltschutz und Klimawandel, verzichten ganz aufs Fliegen oder schränken sich zumindest sehr ein und beschränken sich auf Reiseziele in ihrer Nähe. Vorbilder im Bereich nachhaltig reisen sind für mich zum Beispiel Laura & Tom von Nomads and Rebels oder Monja, die regelmäßig mit der Fähre nach Marokko fährt.

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Könnte es sein, dass digitale Nomaden sogar umweltbewusster sind als der Durchschnittsmensch?

Nun stelle ich eine These auf, die dem einen oder anderen Leser wohl sauer aufstoßen wird. Ich behaupte nämlich, dass es gut sein kann, dass viele digitale Nomaden sogar umweltbewusster leben als der Durchschnittsmensch. Natürlich gibt es immer solche und solche Menschen und wer mich kennt weiß, dass ich kein Freund des Schubladendenkens bin.

Aber was ich im Laufe der Zeit festgestellt habe: Wer unseren wunderschönen Planeten so richtig mit eigenen Augen kennenlernt und entdeckt, der hat eine viel höhere Motivation, ihn auch zu schützen und zu retten, als jemand, der nie gereist ist und vom Klimawandel oder dem Plastikproblem im Ozean nur durch die Medien erfährt. Ich sage euch: Wenn ihr einmal gesehen habt, wie ein Traumstrand durch den angeschwemmten Müll völlig unattraktiv wurde, wie eine Schildkröte an einer Plastiktüte, die sie für eine Qualle gehalten und verschluckt hat, stirbt, wie ein Erwachsener Mensch seine Plastikflasche einfach aus dem Fenster wirft, weil er nie gelernt hat, welche Folgen das für die Umwelt hat oder wie Teile des Regenwalds abbrennen, damit Platz für die Rinderzucht entsteht – dann bewirkt das etwas in euch.

Es ist nun einmal leider so, dass wir Menschen uns nur um das sorgen, was uns auch wirklich betrifft. Keine Netflix-Dokumentation der Welt und keine Nachrichtensendung kann in uns das auslösen, was es eine echte Erfahrung und Begegnung mit genau diesem Problem macht. Viele digitale Nomaden wurden durch ihre Reisen und das, was sie in anderen Ländern gesehen haben, zum Umweltschützer schlechthin, hören auf Fleisch zu essen und versuchen (Plastik)-Müll so gut wie möglich zu vermeiden. Dadurch, dass sie ständig unterwegs sind und all ihr Hab und Gut auf einen Rucksack beschränken müssen, konsumieren sie auch viel weniger und haben deutlich weniger Klamotten als der Durchschnittsbürger, für deren Herstellung ebenfalls eine Menge CO2 ausgestoßen wird. Außerdem fehlt vielen Menschen in Entwicklungsländern ganz einfach die Bildung – sie wissen nicht, was sie unserem Planeten mit ihrem achtlosen Plastikkonsum antun. Da können umweltbewusste Reisende zur Aufklärung beitragen und eine Vorbildwirkung haben.

Und ja, all das entschädigt nicht die CO2-Emissionen, die durch den Flug entstanden sind. Aber wenn dieser eine Flug dazu führt, dass der Mensch ab sofort sein gesamtes restliches Leben versucht, so wenig Plastikmüll wie möglich zu produzieren, durch eine Clean-Up Kampagne dabei hilft den Strand zu säubern und zur Bildung der Bevölkerung vor Ort und einen achtsameren Umgang mit unserer Natur beiträgt: Ist dadurch nicht viel passiert? Und ist das nicht sogar besser, als wenn der Mensch nie gereist wäre, sondern zuhause bleibt und weiterhin am Sofa sitzt und über digitale Nomaden schimpft, während er (überspitzt gesagt) sein McMenü verspeist und rein gar nichts auf der Welt verändert, außer kein CO2 durch den Flug zu produzieren?

Meine persönliche Meinung

Ein bisschen ging es aus dem Artikel wohl schon hervor: Ich liebe das reisen und ich möchte im Moment einfach noch nicht darauf verzichten. Ja, das ist egoistisch und ja, ich habe jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, ein schlechtes Gewissen. Tatsächlich ist „fliegen – ja oder nein“ die meistgeführte Diskussion in meinem Kopf. Daher versuche ich auch, so oft es geht, darauf zu verzichten. Aber manche Ecken der Welt, die realistischerweise ohne Flugzeug einfach nicht zu erreichen sind, möchte ich einfach noch mit eigenen Augen sehen. Auch wenn (oder vor allem weil?) das ein Privileg ist, das den Generationen vor uns und auch heute noch vielen Bevölkerungsschichten, gerade in ärmeren Ländern, ganz einfach nicht zur Verfügung stand bzw. steht.

Und manchmal verlangt es auch eine Situation in meinem Privatleben, dass ich in den Flieger steige, zum Beispiel um Familie oder Freunde zu sehen, die weit weg wohnen. Ich bin mir bewusst darüber, was das für unsere Umwelt und meinen ökologischen Fußabdruck bedeutet. Und auch, wenn es kein wirklicher Ausgleich ist zum CO2-Ausstoß, den ich dadurch zu verantworten habe, versuche ich zumindest in anderen Bereichen zu kompensieren, unserer Mama Erde so wenig wie möglich zu schaden, so wenig wie nur irgendwie möglich zu fliegen und die Reisen, die ich mache, so zu planen, dass ich damit auch gleichzeitig etwas Gutes tue und nicht nur zu meinem eigenen Vergnügen reise.

Selbst vorleben statt andere kritisieren

Nun kennst du meine Gedanken zum Thema und weißt, dass ich selbst in dem Bereich alles andere als perfekt bin. Zum Schluss möchte ich dir noch einen Denkanstoß mit auf den Weg geben:

Die Kritik am Vielfliegen ist berechtigt und wichtig. Doch es ist einfach, erst einmal mit dem Finger auf andere zu zeigen und die „bösen Firmen“ oder die „egoistischen Reisenden“ für den Klimawandel verantwortlich zu machen. Was jedoch viel weniger Menschen machen, ist sich mit ihrer persönlichen Bilanz und damit, worauf sie verzichten könnten, zu beschäftigen und erst einmal vor ihrer eigenen Haustüre zu kehren beginnen. Tatsächlich aber können wir unsere Erde nur dann retten, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet.

Egal ob digitaler Nomade, Weltreisende oder Zuhausegebliebener: Ich möchte jeden einzelnen Menschen dazu ermutigen, sich mit seinem persönlichen Fußabdruck zu befassen und nicht nur die Fehler anderer aufzeigen. Klimawandel geht uns alle etwas an! Wichtig ist, genau hinzuschauen und seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck vor sich selbst verantworten können. Jeder Mensch soll dort CO2 sparen, wo er sparen kann und möchte – sei es beim Fliegen, Autofahren, Konsum oder Heizen. Wir brauchen nicht einen einzigen Menschen, der alles perfekt umsetzt, sondern viele Millionen Menschen, die es so gut wie für sie möglich machen und jeden Tag ihr Bestes geben, noch ein bisschen mehr zu machen.

 

Wie siehst du das? Wie leistest du deinen persönlichen Beitrag gegen den Klimawandel?

 

PS: Michael und Udo von micdotravel haben sich als begeisterte Kreuzfahrtpassagiere übrigens in diesem Beitrag Gedanken über die Umweltbelastung durch Kreuzfahrten gemacht.

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9 Kommentare

  1. Liebe Anna,
    ein sehr cooler Beitrag. Finde es super, dass du dieses Thema so offen ansprichst. Und ja, ich bin vollkommen deiner Meinung. Ich denke, wenn bei Business-Trips der Flieger weggelassen werden würde, wo man meist wirklich mit dem Zug oder Bus fahren könnte, würde das schon einen immens großen Unterschied machen.
    Ich könnte mir auch vorstellen, dass digitale Nomaden im Supermarkt auch nicht alles exotische von anderen Ländern kaufen, da sie es eh im Ursprungsland schon gekostet haben und es dort eh viel besser schmeckte. Damit spart man auch sehr viel CO2.

    Weiter so mit den tollen Beiträgen. 🙂

    1. Liebe Julia, vielen Dank für dein Feedback! Stimmt, an das habe ich gar nicht gedacht. Das geht mir tatsächlich auch oft so im Supermarkt, dass ich den Kopf drüber schüttle, wie es diese Frucht denn da ins Regal geschafft hat und wer denn die bei uns (im Winter?) überhaupt kauft 😉 Alles Liebe, Anna

  2. Es gibt derzeit keine gute Alternative zum Flugzeug, jedenfalls nicht innerdeutsch. Solange die Bahn nicht in der Lage ist, einen ordentlichen Betrieb aufrechtzuerhalten, nehme ich lieber den Flieger. Ich bin wahrlich nicht oft innerdeutsch unterwegs, aber jedes Mal, wenn ich die Bahn genommen habe, habe ich mich hinterher geärgert – und dabei achte ich schon darauf, möglichst wenig Umsteigestationen zu haben, möglichst gar keine. Und trotzdem ist die Bahn ein einziges Dilemma.

    1. Hey Hans-Georg, ich weiß die deutsche Bahn hat keinen guten Ruf, aber ich hatte mit dem ICE zwischen München und Berlin oder Leipzig bisher nie groß Probleme. Und wenn ich weiß, dass ich zu einem Termin wo sein muss, rechne ich halt etwas Puffer ein, um trotz Verspätung rechtzeitig da zu sein. Hast du es mal mit Flixbus versucht? Mit dem habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Liebe Grüße, Anna

  3. Liebe Anna, ich glaube auch, dass eher die Kurztrips mit dem Flieger aus Bequemlichkeit der Punkt sind, wo wir ansetzen sollten.
    Wichtig finde ich, dass wir alle ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickeln und für uns entscheiden, wie wir dazu beitragen können.

  4. Ich habe gestern ein Interview mit dem maledivischen Tourismusmanager geführt. Problem ist: Solche Länder haben ihre wirtschaftliche Ausrichtung komplett auf den Tourismus gelegt und sorgen mit Umweltabgaben usw. dafür einiges auszugleichen. Ich denke es geht am Ende nur über zusätzliche Gebühren die dann zum Ausgleich und dem Umweltschutz hinzugezogen werden.

    Zudem hoffe ich dass die Industrie die Flugzeuge umweltfreundlicher macht. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch beim Schiffbau. Generell sage ich aber: Der Pro/Kopf Ausstoß ist in Deutschland viel zu hoch und muss runter. Und das liegt nicht (nur) am reisen.

    1. Hey Patrick, danke für deine Gedanken dazu. Da stimme ich dir völlig zu, dass der pro Kopf Ausstoß hier viel zu hoch ist und wir uns darüber Gedanken machen sollten. Liebe Grüße, Anna

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